Martin Hansens Musik

Martins Leben verläuft ereignisarm und ambitionslos, bevor er Sophia trifft, aber in einem Punkt entwickelt er Ehrgeiz. „Ich konnte gegenüber Frauen zwar nicht betroffen wirken, aber meine Plattensammlung hatte Tiefgang“, sagt er, nachdem eine Frau das Gespräch mit ihm abbricht, weil er nicht über den bevorstehenden Weltuntergang reden will, sondern über Wum und Wendelin. Sein Musikgeschmack ist snobistisch, und er nutzt seine Plattensammlung, um seine Gefühle zu untermalen. Alleine bekommt er das noch nicht hin. Und er wird mit der Musik konfrontiert, die andere Leute mögen, und mit aktuellen Hits. Seine Reaktion darauf ist meist ziemlich reserviert. Im Buch tauchen knapp 40 Songs auf – hier ist eine Auswahl mit ein paar Anmerkungen.

AC/DC – Givin‘ the dog a bone

Im September 1980 sitzt Martin mit seinem alten Schulkumpel Jens Riester zusammen. Sie trinken Paderborner Pilsener und hören in Endlosschleife das brandneue AC/DC-Album, „Back in Black“. Jens hält die Scheibe für ein „Meisterwerk“. An diesem Lied gefällt ihm besonders, dass das Wort „bone“ im Titel vorkommt: „Knochen, Alter!“ Metal-Fans mit geringen Englischkenntnissen sind begeistert, wenn Wörter, die irgendwie gefährlich klingen, mitgegrölt werden können: steel, kill, blood, death, gravestone, agony, destruction usw. Martin kann mit „Meddel“ nicht viel anfangen und sucht irgendwann das Weite.

Abwärts – Computerstaat

Auf der Suche nach der nächsten Zeitmaschine werden Martin und Sophia in Kiel in der Holtenauer Straße von Harald aufgehalten, einem K-Gruppen-Aktivisten auf Speed. Harald hält atemlose Monologe über den Klassenkampf und versucht, einen Punker zu bekehren, der gerade vorbeikommt. Der Junge mit den stacheligen Haaren brüllt im Vorbeigehen „Stalingrad! Stalingrad! Deutschland Katastrophenstaat!“ und lässt sich ansonsten von Haralds Anwerbeversuchen nicht beeindrucken. Die Zeile stammt aus „Computerstaat“ von Abwärts aus Hamburg, einer der ersten deutschen Punkbands. Im Oktober 1980, beinahe zeitgleich mit dieser Episode im Buch, erscheint das erste Abwärts-Album „Amok Koma“.  

Jack Bruce – Theme for an Imaginary Western

Sophia ist weg, und Martin ahnt nicht, dass sie bald wieder da sein wird. Er liegt auf dem Bett und verstärkt seine Trauer mit schwermütiger Musik wie diesem Song vom ersten Soloalbum des großartigen Jack Bruce, „Songs for a Tailor“ aus dem Jahr 1969, mit den tiefschürfenden Zeilen „Sometimes they found it, sometimes they kept it, often lost it along the way“. Auch wenn man etwas findet, heißt das noch lange nicht, dass man es behalten kann. Meistens verliert man es wieder. Wenige Minuten später sieht Martins Welt allerdings schon wieder ganz anders aus.

Freddy Quinn – Hundert Mann und ein Befehl

Im „Nordstern“, einer verrauchten Eckkneipe, treffen Martin und Sophia Prof. Kalübbe, der bei Kurt Gödel Physik studiert hat, einem der ersten Zeitreise-Theoretiker. Außerdem ist er mal Albert Einstein begegnet, „bei einem Symposium in Zürich, im Frühjahr 1939, kurz bevor der Schlamassel losgegangen ist“. Der Professor gibt ihnen Tipps, wie und wo man Zeitportale finden könnte. Aber dann dröhnt Freddy’s Kriegslied aus den Boxen, und der Professor redet nur noch von Erschießungen und Konzentrationslagern. Ob er Täter oder Opfer war, bleibt offen. 

Judas Priest – Exciter

Martin und Sophia beschließen, nach Genuss von mehreren Gläsern Scharlachberg Meisterbrand, ins Kino zu gehen, und alles läuft auf Knutschen hinaus. Aber dann funkt Metal-Fan Jens Riester dazwischen und stellt Martin eine (für Jens) wichtige Frage: Warum enden so viele Songtitel von Judas Priest auf ER? Und während Sophia zunehmend genervt ist, verweist Jens auf Steeler, Grinder, Ripper, Sinner, Invader und diese knackige Nummer aus dem Jahr 1978. Die Frage bleibt unbeantwortet, dabei ist Jens einer heißen Sache auf der Spur. Denn auf den Priest-Platten nach dieser Begegnung im Kino folgen noch Troubleshooter, Jawbreaker, Turbo Lover und Painkiller.

Franz Josef Degenhardt – Hochzeit

Seine elitäre Plattensammlung kommt Martin zugute, als er Sophia in einem romantischen Moment ein paar Zeilen aus diesem Lied vorsingt: „Schließ‘ jetzt deine Augen, Hochzeit halten wir / Schnuppen fallen vom Himmel, noch schläft der große Bär / Wünsch‘ uns in ein Mondschiff, das seinen Kurs nicht hält / Und weiterfliegt bis an den Rand der Welt.“ Es geht um Liebe und Vergänglichkeit, und Degenhardt baut Anspielungen auf die deutschsprachige Lyrik ein, von Walther von der Vogelweide bis Ingeborg Bachmann. Im Refrain ist vom „Polarstern“ die Rede, ich habe aus literarischen Gründen im Buch daraus einen „Nordstern“ gemacht.

Elvis Costello and the Attractions – Opportunity

Sophia ist mal wieder weg, und Martin liegt mal wieder auf dem Bett und ist traurig. Er liest im „Station to Station“, einem Stadtmagazin mit Werner-Cartoons im hinteren Heftteil, dass eine Schmiede in Schnaddelby einen Azubi sucht. Und dazu läuft dieser Song auf seinem Plattenspieler, „this is your big opportunity“, das ist deine große Chance. Also greift er zu. Schließlich stammt das Lied von Elvis Costellos Soul-Album aus dem Februar 1980 mit dem unwiderstehlichen Titel „Get Happy!!“

Diether Krebs – Ich bin der Martin, ne?

Viele Menschen namens Martin dürften Diether Krebs dieses Lied aus dem Jahr 1991 bis heute verübeln. Martin Hansen kommt einigermaßen glimpflich durch die deutschlandweite Martin-Verarschung. Denn er hat inzwischen den Spitznamen „Otto“ verpasst bekommen, wegen angeblicher Ähnlichkeiten mit Otto Waalkes und Otto Rehhagel. Das Lied hilft ihm sogar, seinem Schwarm Silke näherzukommen, denn sie kann sich seinen Namen leicht merken: „Du bist der Martin, ne?“

Johnny Winter – Johnny B. Goode

Martin gründet eine Band, und wenn man sowas macht, dann ist üblicherweise ein Blues in A oder G der erste Song, der gespielt wird, zumindest bei Menschen, die vor 1970 geboren sind. Bei Martins Band ist es „Johnny B. Goode“ von Chuck Berry, aber das Geschepper in der Scheune in Schnaddelby dürfte eher wie die Version von Johnny Winter geklungen haben. Außer, dass Martin den Text nicht genau kennt: „Nananananananana New Orleans, Black ist the Wood and the Evergreen …“

King Crimson – 21st Century Schizoid Man

Martin und Harvey, der Schlagzeuger in seiner Band, sind im Jahr 1988 auf dem Rückweg von einem Auftritt. Martin besäuft sich mit Southern Comfort, im Tapedeck läuft dieser Song vom ersten King-Crimson-Album, und Martin versucht, Harvey klarzumachen, dass er selbst auch schon mal im 21. Jahrhundert war, „so wie der Typ in diesem Lied“. Harvey lässt sich nicht überzeugen, dass Zeitreisen möglich sind: „Der letzte Drink war wohl too much!“ Es hilft Martin bei seiner Argumentation nicht, dass er sich kurz darauf übergeben muss.