Leseproben

Hier ein erster Einblick ins Manuskript von „Nordstern #2 – Martin, Sophia und die Zukunft“.

Es ist Sonntag, der 7. Dezember 1980. Sophia hängt seit Monaten in der Vergangenheit fest, die Zeitmaschinen funktionieren nicht mehr, und sie muss in der neuen Welt klarkommen. Das Studium der Ernährungswissenschaft kommt ihr zugute – sie eröffnet mit ihrer neuen Freundin Tatjana Kiels erste Biobäckerei, das „Back dat!“. Martin hat währenddessen mit anderen Gegnern zu kämpfen: der Eiseskälte beim Flohmarkt auf dem Kieler Rathausplatz und der Eifersucht.

„Wo soll ich denn Butter herbekommen?“

Das stundenlange Rumstehen war gar nicht so schlimm, aber die Kälte kroch mir gegen halb elf in die Knochen. Meine Füße waren eisig und meine Zehen spürte ich kaum noch, obwohl ich zwei Paar Wollsocken trug. Ich begann, auf der Stelle zu tanzen, und das sah wahrscheinlich ziemlich lächerlich aus, aber das war mir egal.

Ich stand auf dem Rathausplatz, und es war Flohmarkt, wie an jedem ersten Sonntag im Monat. Sophia und Tatjana verkauften ihre Brötchen und dazu Kekse, Kuchen und heiße Waffeln. Dolly und ich standen dahinter und froren uns den Arsch ab. Sophia hatte beschlossen, dass das „Back dat!“ mit einem großen „Kick-Off-Event“ gelaunscht werden sollte, was immer das hieß, und dieses „Kick-Off-Event“ sollte der Flohmarkt sein. Also waren wir nachts um halb vier losgezogen, um noch einen guten Platz abzubekommen. Dolly hatte Sophia und mich mit seinem alten Fiat 127 hierhergefahren, und dann hatte er Tatjana und Körbe voller Backwerk, das Waffeleisen, einen Haufen fotokopierter Werbezettel und einen Tapeziertisch abgeholt. Seitdem standen wir hier rum. Anfangs war es stockfinster gewesen, gegen acht Uhr graute der Morgen, und jetzt strahlte die Sonne am blauen Himmel. Es war ein schöner Wintertag, hell und klirrend kalt.

Gegen neun begann sich der Platz mit Menschen zu füllen, jetzt war es proppenvoll, und vor unserem Stand drängelten sich die Leute. Sophia und Tatjana froren nicht, oder zumindest ließen sie es sich nicht anmerken. Sie redeten, lachten und tänzelten herum, mit Schürzen vor dem Bauch, und ihre Brötchen gingen tütenweise über den Tapeziertisch. Im Gespann waren die beiden unschlagbar. Sophia trat als strenge Managerin des Back-Imperiums auf und überredete die Leute mit Begriffen wie „allergiefrei“, „darmfreundlich“ und „ohne Geschmacksverstärker“, ihr Geld rauszurücken. Tatjana lullte die Kunden so lange mit ihrem esoterischen Singsang ein, bis sie ihr Portemonnaie zückten: „Dein Körper spürt die Liebe und Harmonie in unseren Brötchen, du!“ Die kleine, blaue Geldkassette war schon gegen zehn Uhr randvoll. 

Dolly und ich hatten bei der Würstchenbude nebenan um Strom für das Waffeleisen gebettelt und nach Übergabe von zwei randvollen Brötchentüten auch bekommen, und seitdem hatten wir nicht mehr viel zu tun. Ich hätte die Gänge rauf und runter laufen und nach gebrauchten Platten gucken können. Wenn die Hippies knapp bei Kasse waren, dann verscherbelten sie ihre Plattensammlungen, und man konnte für einen Spottpreis haufenweise großartige Scheiben einsacken. Aber es wäre unpassend gewesen, Sophia beim Start ihrer Bäckerei allein zu lassen, fand ich, also blieb ich bei ihr. Dolly stand direkt neben dem Dieselgenerator, mit dem der Würstchenverkäufer sein Wurstwasser und unseren Waffelteig erhitzte. Dort stank es nach Abgasen, und es dröhnte, aber der Apparat strahlte Wärme aus. Ich stand hinter dem Schild „Back dat! Lecker und gesund! Mit Sofie und Tati!“, und ich schaute Dolly an, der genau wie ich auf der Stelle tanzte. Je länger ich ihn ansah, desto blöder, langweiliger und hässlicher fühlte ich mich.

Er sah gut aus, fand ich, viel besser als ich, obwohl ich wusste, dass das Aussehen keine Rolle spielte, seit das Riesenbaby Dirk Kohlbauer mich damals aus dem Weg gerammt und mit Cornelia Bentien angebändelt hatte. Aber Dolly sah verwegen aus, mit seinen ungekämmten Locken, seinem schwarzen Bart, seinen braunen Augen und seinem Palästinensertuch um den Hals. Er sah aus wie ein südamerikanischer Revolutionär, der sich in die Eiswüste verirrt hatte. Und ich sah aus wie das, was ich war, ein Auszubildender zum Reiseverkehrskaufmann, Sohn eines Schlossers aus Kiel-Elmschenhagen. Auch Dollys Klamotten waren cool, die dicke Lederjacke, der schwarz-rote Wollpullover, der unten rausragte, und die olivgrüne Hose mit den großen Taschen an der Seite. Ich trug einen ausgebeulten Bundeswehr-Parka, wie zwei Drittel aller jungen Männer, und den hatte ich von Karstadt, so wie alles andere, was ich am Leib trug. Selbst wenn ich mich so cool kleiden wollte wie Dolly, hätte ich nicht mal gewusst, wo ich solche Klamotten herbekommen sollte. Bei Karstadt gab es keine Palästinensertücher. 

„Martin, ihr müsst hier verschwinden!“, sagte Sophia. „Du und Dolly!“ Sie klatschte in die Hände, und dann schob sie mich Richtung Würstchenbude. „Wieso das denn?“, fragte ich. „Die Kunden sollen denken, dass wir noch zu haben sind!“, sagte sie. „Das erhöht den Umsatz! Und da stört es, wenn zwei Typen an unserem Stand rumhängen!“

„Das finde ich total klug, du!“, sagte Tatjana. „Und wo sollen wir hin?“, fragte ich. „Stellt euch da drüben hin!“, sagte Sophia. „Bei dem Stand mit dem hässlichen Porzellanschrott! Und guckt nicht so oft zu uns rüber!“ Die beiden lachten, und dann tänzelten sie wieder zwischen ihren Körben herum und füllten Brötchentüten. „Wir sollen uns da drüben hinstellen“, sagte ich zu Dolly. „Okay“, sagte er.

Und dann standen wir nebeneinander, vor einem Stand mit Vasen und Tellern. Wir hätten miteinander reden können, aber mir fiel nichts ein, worüber ich mit ihm reden sollte, und ihm fiel offenbar auch nichts ein. Das kommt vor, dachte ich, dass zwei Menschen sich nichts zu sagen haben, dass sie in zwei verschiedenen Welten leben. Ich überlegte, was Dolly über mich dachte. Wahrscheinlich hielt er mich für einen primitiven Proleten, einen geistig Zurückgebliebenen.

Sophia kam zu uns rüber. „Martin“, sagte sie, „die Butter ist alle! Du musst uns Butter besorgen!“ Vor dem „Back Dat!“-Schild stand ein Probierteller mit kleingeschnittenen Brötchen, und die Häppchen waren mit Butter beschmiert. Der Teller war fast leergeräumt. „Wo soll ich denn Butter herbekommen?“, fragte ich. „Das ist hier ein Flohmarkt!“, sagte sie. „Hier gibt es alles!“ Sie zog mich am Arm, weg von Dolly, und dann schob sie mich vorwärts. „Dir wird schon was einfallen!“

Ich lief die Gänge auf und ab, quer über den Rathausplatz, vorbei an Büchern, Kinderschuhen, Brettspielen, Musikinstrumenten und Bilderrahmen, und ich wunderte mich, was man alles anbieten und offenbar auch verkaufen konnte, aber nirgendwo gab es Butter. Ein Hippie mit Stirnband stand hinter Wäschewannen voller Schallplatten, überwiegend Müll, Opernarien, „Starparade 77“ und Hörspiele mit der Biene Maja. Ich kaufte eine Platte von Jackson Browne, obwohl ich von dem nicht besonders viel hielt, der säuselte mir zu viel, aber mit einer Jackson-Browne-Platte unterm Arm würde Dolly mich vielleicht nicht für einen geistlosen Halbwilden halten, dachte ich. Und dann kam ich zu unserem Stand zurück, immer noch ohne Butter, und meine letzte Hoffnung war die Würstchenbude.

„Habt ihr zufällig Butter?“, fragte ich den Würstchenverkäufer. „Nö“, sagte er. „Aber ihr verkauft eure Würstchen doch mit Brot!“, sagte ich. Zu jeder Wurst legte er eine kleine Tüte Senf und eine halbe Scheibe Toastbrot auf den Pappteller. „Das stimmt“, sagte er. „Aber da ist Margarine drauf!“ Ich stöhnte. „Kann ich einen Becher Margarine kaufen?“

„Nö“, sagte er.

„Drei Mark!“, sagte ich.

„Nö.“

„Vier!“

„Nö.“

Fünf!“

„Na gut!“

Er grinste, nahm den Heiermann und gab mir einen Becher Rama-Margarine, der im Supermarkt 79 Pfennig kostete. „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis!“, sagte er. „Und Wurstwasser macht doof!“, sagte ich, schüttelte den Kopf und ging rüber an unseren Stand.

„Das hat ganz schön lange gedauert!“, sagte Sophia. „Aber es hat sich gelohnt“, sagte ich und versuchte, Stolz in meine Stimme zu legen. „Bitteschön!“ Ich gab ihr die Rama. „Das ist ja Margarine!“, rief sie. „Wir brauchen Butter!“ Sie stemmte die Hände in die Hüfte, legte den Kopf zur Seite, und ich kam mir einigermaßen blöd vor. Dolly stand ein paar Meter entfernt, und jetzt wusste ich, wofür er mich halten musste: für ein wirbelloses Weichei, das sich rumscheuchen und niedermachen ließ. Und das dazu auch noch mit einer Platte von diesem Traumtänzer Jackson Browne unterm Arm rumlief. „Jetzt hör aber mal auf!“, sagte ich zu Sophia. „Ich stehe mitten in der Nacht auf, ich friere mir den Arsch ab, und ich renne hier rum auf der Suche nach Butter, und du … du bist einfach nur kratisch!“

„Es soll nun einmal alles perfekt werden!“, sagte sie. Sie schaute auf den Margarinebecher und grinste. „Nächstes Mal gehst du gleich zum Würstchenstand und rennst nicht erst stundenlang in der Gegend rum, okay?“ Dann gab sie mir einen Kuss auf den Mund. „Danke! Du bist ein Schatz!“ Sie zwinkerte mir zu, ging zurück zum Stand und begann, Brötchen zu zerschneiden und mit Margarine zu bestreichen. Ich stellte mich wieder neben Dolly.

Wir hatten immer noch nichts gefunden, worüber wir reden könnten. Wir standen schweigend nebeneinander, und nach ein paar Minuten schaute ich zu ihm rüber. Er sah Sophia an, die hinter dem Stand herumwirbelte, und sein Blick war ernsthaft, traurig, beinahe verzweifelt. So hatte er sie schon am ersten Abend angesehen, als wir bei Harald gewesen waren und nach einem Personalausweis gefragt hatten. Jetzt begriff ich, was mit ihm los war. Er war mindestens genauso in Sophia verknallt wie ich. Und ich wusste nun auch, wofür er mich hielt: nämlich für den Typen, der mit ihr zusammen war, der Wohnung und Bett mit ihr teilte und der heute Abend ein paar schöne Stunden mit ihr verbringen würde, untermalt von Jackson Browne und seinen sentimentalen Liedchen.

Die Sonne steckte jetzt hinter Wolken, und es wurde noch kälter. Ich begann wieder auf der Stelle zu tanzen. Ich fror, wie ich noch nie gefroren hatte, und ich fühlte mich großartig.

Hier ein Ausschnitt aus dem „Nordstern“: Martin und Sophia sind gemeinsam im Jahr 1980 gelandet, und jetzt stehen sie bei Martins Eltern vor der Tür, die irritiert sind über die Frau aus der Zukunft:

Am Schauspielhaus stiegen wir aus. Wir hatten kaum das Pflaster der Haltestelle betreten, als Sophia sich wieder die Hand vor Mund und Nase hielt und aufstöhnte.

„Mein Gott, das stinkt hier ja noch schlimmer!“

Der Geruch der Holsten-Brauerei, die ein paar Schritte die Straße hoch lag, war überwältigend, ein süßsaures Aroma, das in der Nase stach und intensiver wurde, je wärmer es war. Das ganze Viertel stank nach Hopfen und Malz. Ich war daran gewöhnt. Unsere Wohnung lag direkt neben der Brauerei, und von meinem Zimmer aus konnte ich über die Mauer auf den Hof schauen, wo Fässer und Kisten gestapelt waren und wo Gabelstapler und Lastwagen hin und her fuhren. Der Geruch war normal, genau wie das Knattern der Laster, die Rufe der Lagerarbeiter und das Scheppern der Paletten mit Bier und Brause, wenn sie auf den Boden oder auf die Ladeflächen der Lastwagen knallten.

Wir warteten auf eine Lücke im Verkehr und überquerten den Knooper Weg. Wir kamen in die Bremerstraße, und dann standen wir vor unserem Haus. Alles sah aus wie immer, die neue weiße Farbe war weg, und auf dem Klingelschild für den zweiten Stock rechts stand, in Messing graviert, „Hansen“. (…)

Ich schloss die Wohnungstür auf.

„Hallo!“, rief ich.

Aus der Küche ertönte ein Schrei.

„Martin!“

Es folgte ein Scheppern.

„Mein Gott, wo warst du?“, rief meine Mutter. Sie kam um die Ecke und blieb mit zugekniffenem Mund im Flur stehen, als sie Sophia sah.

„Das ist Sophia“, sagte ich.

„Guten Tag“, sagte Sophia und streckte die Hand aus, aber meine Mutter rührte sich nicht und starrte sie an.

So standen wir einen Augenblick da, als mein Vater aus dem Wohnzimmer kam. Er war Schlosser bei den Stadtwerken und hatte in dieser Woche Frühschicht, und deswegen war er jetzt schon zu Hause, am frühen Nachmittag. Er schaute mich an und dann Sophia, und dann lächelte er. Meine lange Abwesenheit und Sophias Anwesenheit ließen Raum für alle möglichen Spekulationen.

„Na, wen bringst du uns denn da ins Haus?“, fragte mein Vater. Sein Lächeln wurde breiter.

„Das ist Sophia“, sagte ich.

„Sofia ist die Hauptstadt von Bulgarien!“, rief mein Vater. „Das solltest du eigentlich wissen! Wofür haben wir dich denn auf die Realschule geschickt?“

„Er ist immer aufgeregt, wenn Besuch im Haus ist“, sagte ich zu Sophia.

„Werd’ bloß nicht frech, du!“, sagte mein Vater. Er strahlte jetzt wie eine Glühbirne.

„Ja, aber wie, ich meine, wo habt ihr euch denn kennengelernt?“, fragte meine Mutter.

„Gestern Abend, in einer Kneipe“, sagte ich.

„Du lieber Himmel!“, sagte meine Mutter. „Und dann habt ihr die ganze Nacht …?“

„Es gibt da ein Problem“, sagte ich. „Sophia wohnt in der Hansastraße, aber da kann sie jetzt nicht hin. Ihr Schlüssel ist weg, und da ist zurzeit auch niemand, der sie reinlassen kann.“

„Ja!“, sagte Sophia.

„Kann sie heute Nacht hier schlafen?“

Der zugekniffene Mund meiner Mutter verengte sich zu einem langen, schmalen Strich.

„Ho ho ho!“, machte mein Vater.

„Ja aber“, sagte meine Mutter, „wir kennen die Dame ja gar nicht …“

„Sophia studiert an der Uni“, sagte ich. „Ökologie!“

„Hervorragend!“, rief mein Vater. „Das hat Zukunft! Davon hört man ja ganz viel in letzter Zeit!“

„Eine Studentin …“, sagte meine Mutter, und sie sprach das Wort so aus, als wäre es eine gefährliche Krankheit. „Und wo kommen Sie her?“, fragte sie und traute sich zum ersten Mal, Sophia direkt anzusprechen.

„Ich sagte doch schon, sie wohnt in der Hansastraße!“, sagte ich.

„Nein, ich meine mehr so ursprünglich.“

„Ich komme aus Rostock“, sagte Sophia.

Das überraschte mich. Ich hatte noch nie einen echten DDR-Menschen gesehen. Wir hatten zwar entfernte Verwandte in Güstrow, Onkel Bruno, der Cousin eines Onkels oder so, und seine Frau, die von meinen Eltern Tante Mieze genannt wurde. Aber die hatten wir nie besucht, und Onkel Bruno und Tante Mieze waren auch noch nie in Kiel gewesen, „weil die da nicht rausgelassen werden“, wie mein Vater sagte. Wir schickten jedes Jahr zu Weihnachten ein Paket rüber, mit Jacobs-Kaffee und Verpoorten-Eierlikör und Sprengel-Schokolade, und im Gegenzug kam ein Paket mit Schnitzereien aus dem Erzgebirge und Rotkäppchen-Sekt und Halloren-Kugeln, und für mich war immer eine Platte von den Puhdys dabei, mit einem Kärtchen dran, „Für den Musikfreund“. Die Platten hörte ich selten, aber sie füllten die Lücken in meinem Regal auf.

„Aus Rostock?“, fragte mein Vater. „Aber … wie sind sie denn hier rübergekommen?“

„Mit dem Auto“, sagte Sophia.

„Mit dem Auto!“, rief mein Vater. „Versteckt im Kofferraum, nicht wahr?“ Er drehte sich um und sah meine Mutter an. „Siehst du, Martha? Man kann da rauskommen! Da braucht man auch keinen Luftballon zu basteln und kein U-Boot! Einfach mit dem Auto! Ist ja toll! Die Vopos werden nachlässig! Das liegt an der Motivation!“ Er wandte sich wieder Sophia zu, legte seinen Arm auf ihre Schulter und sah ihr in die Augen. „Und Ihre Verwandten … sind die noch drüben?“

„Ja“, sagte Sophia, „meine Eltern wohnen in Rostock.“

„Mein Gott, wie tragisch!“, sagte mein Vater. „Und der Kontakt ist natürlich jetzt nicht mehr möglich.“ Sein Arm lag immer noch auf Sophias Schulter, und er begann langsam mit dem Kopf zu wackeln. „Armes Deutschland, armes Deutschland …“

„Na ja, ich versuche natürlich, mich ab und zu mal zu melden“, sagte Sophia. „Aber wir haben ja so viele Klausuren.“

„Ein echter Zonenflüchtling, hier in unserer Wohnung!“, sagte mein Vater und schüttelte wieder den Kopf. „Unglaublich!“

„Ja, wenn das so ist …“, sagte meine Mutter, „dann können Sie natürlich heute Nacht hierbleiben. Dann essen Sie auch gleich mit uns mit. Es gibt Karbonade!“

Sophia schaute mich an.

„Schweinekotelett“, sagte ich.

„Ich bin Vegetarierin“, sagte Sophia.

Meine Eltern waren verwirrt.

„Das bedeutet, ich esse kein Fleisch“, sagte Sophia.

„Kein Fleisch!“, rief mein Vater. Seine Erstarrung löste sich, und seine Stimme hatte nun einen triumphalen Unterton. „Ich hab’s doch immer gesagt, Martha! Die Versorgungslage drüben ist eine Katastrophe! Nicht mal Fleisch haben sie mehr! Pass mal auf, das kann da ganz schnell den Bach runtergehen! In Polen fängt das ja schon an!“

„Nein“, sagte Sophia, „ich esse aus Gesundheitsgründen kein Fleisch.“

„Und Mangelerkrankungen gibt es auch noch!“, rief mein Vater, und seine Stimme überschlug sich fast. „Sowas steht natürlich nicht in der Zeitung, aber hier erfährt man das mal aus erster Hand!“

„Tja, wenn Sie kein Fleisch mögen“, sagte meine Mutter, „dann bekommen Sie eben Würstchen. Ich hab’ noch ein Glas in der Speisekammer.“

Sophia wollte etwas sagen, aber ich war schneller.

„Wir gehen dann erstmal in mein Zimmer!“

Copyright: ihleo-Verlag